KI in der zeitgenössischen Kunst

7. Juni 2019

Im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Artistic Intelligence“ des Kunstvereins Hannover begegnen den Besucher*innen merkwürdige verzerrte Gesichter und aufblühende Tulpen auf Monitoren, die zunächst viele Fragen aufwerfen. Was haben die genannten Bilder mit Künstlicher oder gar mit „künstlerischer“ Intelligenz zu tun?

Mario Klingemann: „Memories of Passersby I“, 2019 Künstliche neuronale Netzwerke, LCD-Monitore, Holzkommode, Maße variabel | © Courtesy Onkaos, Madrid

Die Künstler Mario Klingemann (*1970, D) und Anna Ridler (*1985, GB) greifen in ihren Arbeiten auf künstliche neuronale Netzwerke, sogenannte GAN (Generative Adversarial Networks) zurück, die eine Bilderflut in nicht gekannter Form ermöglichen. Die Arbeit „Memories of Passersby I“ von Klingemann setzt sich aus zwei Monitoren und einer Holzkommode zusammen, wobei letztere einen Hochleistungscomputer beheimatet, in dem die genannten GANs ihre Arbeit verrichten. Auf den Monitoren werden die Besucher*innen Zeugen von einem unendlichen Fluss von neu generierten, vermeintlich gemalten Porträts. Diese haben ihren Ursprung in einer Vielzahl teils unbekannter analoger Gemälde, die der Künstler den GANs zugeführt hat. Klingemanns Arbeit spielt mit der traditionellen Vorstellung von Identität und reinterpretiert sie als einen flüchtigen Strom der (Ab-)Bilder und Gesichter. Die Schnelllebigkeit und Austauschbarkeit unserer technologisierten Gesellschaft findet in „Memories of Passersby I“ ihr unheimliches Äquivalent.

Anna Ridler: „Mosaic Virus“, 2019 Künstliche neuronale Netzwerke, Video, LCD-Monitor | © Courtesy die Künstlerin

Die Verknüpfung von analoger und digitaler Welt ist gerade bei der Verwendung algorithmischer Prozesse von zentraler Bedeutung, stellt doch das analoge Material die Ausgangsbasis für die Lernprozesse der GANs dar. Anna Ridler greift in ihrer Arbeit „Mosaic Virus“ auf einen Datenpool von tausenden Fotos zurück, die allesamt Tulpen in unterschiedlichster farblicher Ausführung und verschiedenen Blütezuständen zum Thema haben. Die Animation auf dem Monitor führt den vermeintlichen Kreislauf der Blüte und des Verwelkens vor Augen, jedoch liegt dieser romantischen Vorstellung eines modernen Stilllebens noch eine gänzlich andere, nüchterne Bedeutungsebene zugrunde: Der Blütezustand und die Farbgebung der dargestellten Tulpen orientiert sich nämlich an dem aktuellen Börsenkurs der Kryptowährung „Bitcoin“. Es sind demnach weniger künstlerische Entscheidungen als vielmehr rein wirtschaftliche, die das „Blumenstillleben“ erst zum Leben erwecken. Ridler schlägt mit dieser Arbeit eine Brücke in die Niederlande des 17. Jahrhunderts, als der berühmte Tulpenhandel und die Spekulation mit eben jenen Blumen zu einem eigenen Wirtschaftszweig wurden – vergleichbar mit dem heutigen Aufkommen der Kryptowährungen. Einige der wertvollsten Tulpenarten aus dieser Zeit wiesen die typische beliebte Marmorierung auf, die nur mit einem unnatürlichen biologischen Eingriff – einem Virus – ermöglicht werden konnte und dadurch deren Preise in die Höhe schnellen ließ. Dieser Virus trägt den Namen Mosaik.

Matthew Plummer-Fernandez: „The Codification of Leadership“, 2014 Inkjet-Print, 93 x 70,5 x 3,5 cm | © Courtesy der Künstler und NOME Gallery, Berlin

Die Automatisierung unserer Gesellschaft offenbart sich insbesondere im militärischen Bereich, wo viele Prozesse ohne die Unterstützung von Künstlicher Intelligenz nicht mehr denkbar wären. Matthew Plummer-Fernandez (*1982, GB) zeigt in seinem Triptychon „The Codification of Leadership“ Bilder des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush bei der Unterzeichnung weitreichender Gesetzestexte: des Patriot Act, des Homeland Security Act und des Intelligent Reform Act. Die drei Gesetze wurden im Zuge der Terrorismusbekämpfung von der Bush-Administration beschlossen und beinhalteten auch eine großflächige Überwachung der eigenen Bürgerschaft, dabei immer das Argument der Sicherheitswahrung anführend. Die Tragweite und die Komplexität bei der Ausführung dieser Gesetze werden zunehmend von algorithmischen Prozessen übernommen, die sich damit immer mehr von der menschlichen Handhabe und Kontrolle abkoppeln. Plummer-Fernandez unterzog für seine Arbeit drei Fotografien von George W. Bush einer algorithmischen Hilfsfunktion des Grafikprogramms „Adobe Photoshop“, um anschließend die verfremdeten Bilder als synthetische Gemälde produzieren zu lassen. Das Ergebnis zeigt einerseits die historischen Momente der Gesetzesunterzeichnung, andererseits auch die Verselbstständigung dieser Gesetze mittels der grafischen Verzerrung des Bildmotivs. Alle drei Arbeiten führen auf eindrucksvolle Weise die neuen Mittel der Kunstproduktion vor Augen, die in dieser Form bis vor kurzem noch nicht möglich war. Damit zeigt sich einmal mehr, dass Kunstschaffen immer auch ein produktives Auseinandersetzen mit den gesellschaftlichen Phänomenen und (technischen) Möglichkeiten der unmittelbaren Gegenwart bedeutet. 

Autor des Beitrags
Sergey Harutoonian
Kunstverein Hannover
Kurator