ROBOTIK FÜR ALLE?!

28. Februar 2020 | Dr. Jasmin Grischke

Kleines Mädchen am Roboter | © ROBOKIND

Seit den 1970er Jahren sind Roboter aus der Industrie nicht mehr wegzudenken; riesige, stählerne Positioniermaschinen, die auf Grund der von ihnen ausgehenden Gefahr vom Menschen durch Schutzzäune getrennt sind, erledigen schwere sich wiederholende Prozesse und sind wegen ihrer hohen Anschaffungskosten und der nur durch Expert*innen zu bewältigenden aufwendigen Programmierbarkeit lediglich Großkonzernen zugänglich.

Robotik wird aber auch oft mit Science-Fiction assoziiert. In vielen Köpfen sind Roboter menschenähnliche, womöglich unsere Existenz bedrohende, Maschinen, die in direkter Konkurrenz zu uns Menschen stehen und uns unsere Arbeit wegnehmen oder gar nach unserem Leben trachten. Neben der Industrierobotik und der Science-Fiction Version von Robotik hat sich in den vergangenen Jahren ein weiterer Robotik-Zweig etabliert.

Immer häufiger werden Roboter auch in nicht industriellen Anwendungen eingesetzt (Sahi/Kaul 2017). In vielen Haushalten gehören Roboter bereits zum Alltag und unterstützen ihre Besitzer*innen dabei den Rasen zu mähen, staubzusaugen oder den Boden zu wischen.

Doch in den letzten Jahren gab es einen weiteren disruptiven Wandel in der Robotik. Eine völlig neue Generation von sensitiven und kostengünstigen Robotern hat die Barrieren zwischen Menschen und Maschinen aufgelöst. Diese neuen mit hochsensibler Sensorik und der Befähigung zu Künstlicher Intelligenz ausgestatteten Robotersysteme – die sogenannten Soft-Roboter – ermöglichen eine direkte Zusammenarbeit (ganz ohne Schutzzäune) und eröffnen dem Menschen umfangreiche neue Applikationsmöglichkeiten. Der ideale Roboter der Zukunft ist nicht mehr nur im technischen Bereich einsetzbar, sondern ein universell nutzbares Werkzeug für alle. Insbesondere die nie dagewesene Benutzerfreundlichkeit (Haddadin et al. 2018; Haddadin et al. 2019) der Soft-Roboter, die es selbst Laien ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit den Umgang zu erlernen, werden entscheidend dazu beitragen, die Demokratisierung dieser Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen.

Doch bisher haben in Deutschland nur wenige privilegierte Personen, Forschungseinrichtungen und Industrien Zugang zu Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI), obwohl die Bedeutung dieser hochrelevanten Schlüsseltechnologien in Wirtschaft und Gesellschaft weltweit rasant zunimmt. Laut Handelsblatt (Hua et al. 2018) ist Deutschland bzw. ganz Europa im Bereich KI bereits weit hinter China und den USA abgeschlagen.

In Niedersachsen hat die Politik diese besorgniserregende Entwicklung erkannt und möchte nun gegensteuern: „Die Bedeutung von Robotik und KI für Wirtschaft und Gesellschaft nimmt rapide zu. Deshalb brauchen wir in Zukunft mehr Fachkräfte und Experten für diese Hochtechnologien”, erklärt der niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) *1.

Auch in der niedersächsischen Arbeitswelt wird der Ruf nach Robotik-Bildung lauter: Facharbeiter*innen „mit Know-how im Bereich Robotik sind heute bereits dringend gesucht und wir stehen erst am Anfang der zweiten Digitalisierungswelle“, sagt der Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover, Dr. Horst Schrage *2.

Genau an dieser Stelle setzt die Arbeit der gemeinnützigen Robokind robotics for mankind Stiftung an. Wir haben das Ziel Bildung auf dem Gebiet der Robotik und KI allen zugänglich zu machen; unabhängig vom Geschlecht, Alter oder Bildungsstand.

WIE KÖNNEN WIR UNSERE GESELLSCHAFT UND WIRTSCHAFT GESCHLOSSEN AUF DIESE HERAUSFORDERUNGEN VORBEREITEN?

Der kostbare Mehrwert von Robotik und KI basiert darauf, dass neben den Expert*innen auch ausreichend informierte und selbstständige Nutzer*innen die vielseitigen Anwendungspotenziale kennenlernen und so gemeinsam als moderne Gesellschaft die Entwicklung der digitalen Transformation entlang unserer ethischen und moralischen Werte sicherstellen. „Die Gesellschaft sollte aktiv entscheiden, was ein gewolltes Ziel ist“ so Professor Gordon Pipa von der Universität Osnabrück *3 und nicht allein Expert*innen und „das technisch Mögliche“ über unsere Zukunft bestimmen lassen.

Damit die Expert*innen mit diesen großen und wegweisenden Entscheidungen nicht allein gelassen werden, muss in die Aus- und Weiterbildung der gesamten Bevölkerung investiert werden. Die Robokind Stiftung möchte hier mit ihrer Arbeit nachhaltig dazu beitragen, dass unsere gesamte Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft zukünftig Robotik und KI wertschöpfend beispielsweise in der Medizin, im Handwerk oder auch im Bereich der Künste einsetzen kann. In der Technik sind Frauen und Mädchen nach wie vor häufig unterrepräsentiert. Deshalb möchte die Robokind Stiftung nachhaltig strukturelle Gerechtigkeit und Diversität bei strategischen Entscheidungen, zukünftigen Entwicklungen sowie Forschungsschwerpunkten in der Robotik und KI fördern.

Um den Transfer dieses Wissens zu erreichen, hat die Robokind Stiftung die ‚Robonatives Initiative‘ ins Leben gerufen.

IHK-Zertifikatslehrgang: Anwender_in für kollaborierende Roboter | © ROBOKIND

DIE ‚ROBONATIVES INITIATIVE‘

In einem ersten Pilotprojekt hat die Robokind Stiftung in Absprache mit der IHK Hannover Robotik Lehrgänge entwickelt und erprobt. Nach erfolgreicher schriftlicher und praktischer Prüfung wurden die ersten Absolvent*innen des Zertifikationslehrganges „Anwender*innen für kollaborierende Roboter“ (IHK) am 20. Juni 2019 auf der Ideenexpo feierlich mit IHK-Zertifikaten ausgezeichnet *4.

Basierend auf diesem Erfolg ist in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium, gefördert durch das Wirtschaftsministerium, das Fachkräftebündnis Leine-Weser und die Region Hannover, eine landesweite Initiative entstanden. Die ‚Robonatives Initiative‘ ist ein Robotik-Bildungsprojekt, welches ein Netzwerk von Expert*innen und Anwender*innen aus Forschung, Industrie und Bildungseinrichtungen begründen soll.

Zur Vorbereitung auf die Initiative wurde 2017 federführend von Professor Sami Haddadin die roboterfabrik (gefördert durch die Region Hannover) ins Leben gerufen, die als Begegnungsstätte der Robotik für Schüler*innen, Auszubildende, Studierende und weitere Interessierte fungiert und in der Standortinitiative der Bundesregierung „Deutschland – Land der Ideen“ als „Ausgezeichneter Ort 2018“ gewürdigt sowie von Ministerpräsident Weil bei einem Empfang in der Niedersächsischen Staatskanzlei geehrt wurde *5.

Des Weiteren unterstützt die Robokind Stiftung das von dem niedersächsischen Kultusministerium und der Landesinitiative n-21 verantwortete ‚Projekt Robonatives‘ im Rahmen des Masterplans Digitalisierung, dessen Ziel es ist, bis zu 100 Allgemeinbildende und Berufsbildende Schulen mit sensitiven Soft-Robotern auszustatten und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer niedersächsischen Schulen zu stärken *6.

Unser Fazit: „Robotik für alle?!“

Ja, denn Robotik und KI werden unser aller Leben verändern. Die Herausforderungen, denen wir uns jetzt stellen müssen, um uns auf die anstehende digitale Transformation unserer Wertschöpfungsketten vorzubereiten, bergen gleichzeitig das Potenzial unser aller Leben nachhaltig zu verbessern und den Menschen nie dagewesene Fähigkeiten und Freiheit zu ermöglichen!

Gefördert durch:

Autorin des Beitrags:
Dr. Jasmin Grischke
ROBOKIND Robotics for mankind Stiftung
Projektleiterin

Über die Autorin:

Dr. Jasmin Grischke ist Oberärztin in der Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und ehrenamtliche Stiftungsrätin sowie Projektleiterin der ROBOKIND Robotics for mankind Stiftung.

In Ihrer Tätigkeit an der MHH forscht Sie an periimplantären Infektionen und kombiniert diese Forschung mit innovativen Ansätzen in der Anwendung von sensitiven, kollaborierenden Robotern in der (Zahn-)medizin.

Über die Stiftung:

Die ROBOKIND Stiftung wurde im Juli 2018 gegründet. Das Ziel der gemeinnützigen Stiftung mit Sitz in Hannover ist es, die Aus- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Robotik und KI allen Menschen, unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht oder Bildungsstand, verfügbar zu machen.
Ihr Stifter, Professor Dr. Sami Haddadin ist Leibnizpreisträger 2019 und wurde 2017 für die Entwicklung eines sensitiven kollaborierenden Roboters mit dem Deutschen Zukunftspreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Ethikrates der Bundesregierung, Kommissionsmitglied Niedersachsen 2030 *7 und Direktor der Munich School of Robotics and Machine Intelligence sowie des Lehrstuhls für Robotik und Systemintelligenz an der TU München.

Quellenverzeichnis
*1 Niedersächsischer Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) (2019) (Online) https://www.heise.de/newsticker/meldung/Robotik-Bildungsprojekt-in-Niedersachsen-erhaelt-Millionenfoerderung-4601237.html
*2 Stefan Noort (2019). IHK Hannover. [Online]. https://www.hannover.ihk.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-2019/ihk-ideenexpo-zertifikat.html
*3 Prof. Dr. rer. Nat Gordon Pipa von der Universität Osnabrück (2019) [Online] http://www.haeverlag.de/nae/0120_heft.pdf
*4 Stefan Noort (2019). IHK Hannover. [Online]. https://www.hannover.ihk.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-2019/robotik-zertifikate.html
*5 Torsten Lilge (2018). Leibniz Universität Hannover. [Online]. https://www.uni-hannover.de/de/universitaet/aktuelles/presseinformationen/detail/news/fuer-mehr-zusammenhalt-in-der-gesellschaft-roboterfabrik-als-ausgezeichneter-ort-2018-praemiert/
*6 Niedersächsisches Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung. [Online]. https://www.mw.niedersachsen.de/download/135324/Masterplan_Digitalisierung_Niedersachsen.pdf
*7 Niedersachsen 2030. [Online]. https://niedersachsen.de/2030/kommission/


Literaturverzeichnis
Sami Haddadin, Lars Johannsmeier, Marvin Becker, Moritz Schappler, Torsten Lilge, Simon Haddadin, Johannes Schmid, Tobias Ende, Sven Parusel, “Roboterfabrik: A pilot to link and unify german robotics education to match industrial and societal demands”, in Companion of the 2018 ACM/IEEE International Conference on Human-Robot Interaction. ACM, 2018, pp. 375–375.

Sami Haddadin, Lars Johannsmeier, Johannes Schmid, Tobias Ende, Sven Parusel, Simon Haddadin, Moritz Schappler, Torsten Lilge, Marvin Becker, “Roboterfabrik: A pilot to link and unify german robotics education to match industrial and societal demands”, in Robotics in Education, W. Lepuschitz, M. Merdan, G. Koppensteiner, R. Balogh, and D. Obdržálek, Eds. Cham: Springer International Publishing, 2019, pp. 3–17.

Sha Hua, Thomas Jahn, Christof Kerkmann, Sebastian Matthes, Stephan Scheuer, Britta Weddeling. (2018) Handelsblatt. [Online]. https://www.handelsblatt.com/technik/thespark/technik-der-zukunft-wie-china-bei-der-kuenstlichen-intelligenz-zur-supermacht-aufsteigt/23225468-all.html

Manoj Kumar Shahi and Aditya Kaul, “Consumer robotics - household robots, vacuum robots, lawn mowing robots, pool cleaning robots, personal assistant robots, and toy and educational robots: Global market analysis and forecasts” 2017.

Tadele Shiferaw Tadele, Theo de Vries and Stefano Stramigioli, “The safety of domestic robotics: A survey of various safety-related publications”, IEEE robotics & automation magazine, vol. 21, no. 3, pp. 134–142, 2014.