Perspektiven einer Künstlerin – Was ist Künstliche Intelligenz? | Teil 1

31. Juli 2020 | Carina Lüschen

Cover „Die technologische Singularität” von Carina Lüschen

Seit 1,5 Jahren umreißen wir in unserem LINK-Blog das Thema der Künstlichen Intelligenz in Gesellschaft und Kultur. Es ist an der Zeit ein paar grundlegende Aspekte zur Definition auch aus Perspektive einer Künstlerin zu beleuchten. Carina Lüschen reflektiert die gesellschaftlichen Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und neuen Technologien. Im Fokus steht das Zusammenspiel und die Transformation des Bewusstseins, der Physis und virtuellen Strukturen, insbesondere durch das Internet.

Auszüge aus der Publikation „Die technologische Singularität”.

Was ist Künstliche Intelligenz?

KI beschreibt und simuliert das Bewusstsein als ein Werkzeug für die Welt, in der wir leben. Die Bedeutung von KI ist abstrakt und wird unterschiedlich ausgelegt oder interpretiert. Die Grundlage der Idee von KI ist ein komplexes und teilautonomes Computer-Programm, welches aus unterschiedlichen Komponenten der Automatisierung wie Algorithmen oder neuronalen Netzen besteht. Dieses Programm ist sensorisch und lernfähig, beispielsweise durch visuelle Informationen anhand von Bildern oder emotionalen Gedankeninhalten anhand von Sprachführung und Chat-Logs. Daten von Menschen sind hier reale Werte, die intelligent interpretiert und in das „ausführende Programm”, der KI, eingepflegt werden:

„The future of AI is our data, everyone’s data on the planet. That is the state of the art today — that you need tons of data to teach a machine. Machine intelligence won’t just swallow our data, but learn to predict our behavior with powerful predictive analytics of everything. Commerce, apps and state surveillance are just the beginning, soon it will be finance, healthcare and even our most intimate choices.”[1]

Der Begriff der ‚Künstlichen Intelligenz‘ wurde 1955 von dem Computerwissenschaftler John McCarthy geprägt. Im darauffolgenden Jahr versammelte McCarthy Wissenschaftler und Mathematiker im Dartmouth College (New Hampshire, US) um im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts das Prinzip zu untersuchen, wonach „jeder Aspekt des Lernens oder jegliches andere Merkmal von Intelligenz im Prinzip derart genau beschrieben werden kann, dass eine Maschine zu ihrer Simulation herstellbar wäre.[2]

Eine KI wird in der Planung sowie im strategischen Bereich eingesetzt, das heißt, sie ist oft an eine Zielführung gebunden im Sinne einer sensorischen „Suche nach Etwas”.

„Russell and Norvig (1995, 2002, 2009), in their aforementioned AIMA text, provide a set of possible answers to the “What is AI?” question that has considerable currency in the field itself. These answers all assume that AI should be defined in terms of its goals: a candidate definition thus has the form “AI is the field that aims at building ...” The answers all fall under a quartet of types placed along two dimensions. One dimension is whether the goal is to match human performance, or, instead, ideal rationality. The other dimension is whether the goal is to build systems that reason/ think, or rather systems that act.“[3]

Ebenso erfasst eine KI ein sensorisches und bewegliches Netzwerk nach Regelwerken, wie das Verkehrsnetz mit – in der Kommunikation eingebundenen – Automobilen im Bereich der Navigation, so wie es durch die App Google Maps üblich ist. Der Lernprozess ist in erster Linie intuitiv: „Human and animal learning is largely unsupervised: we discover the structure of the world by observing it, not by being told the name of every object.”[4]

„Zum ersten beflügelten Phantasie wie Magie die Beschäftigung mit Automaten und mechanischen Menschen, zum zweiten versuchten Wissenschaftler, menschliche Gedankengänge wie kognitives Verhalten mittels Computersimulation zu untersuchen und zu beschreiben.

[…]

Christian Thies erwähnt außerdem die angewandte KI, die sich nach Rückschlägen der beiden anderen Thesen seit den siebziger Jahren eher mit der praktischen Umsetzbarkeit von Künstlicher Intelligenz beschäftigt, z. B. in Form von Expertensystemen, Robotern oder intelligenten Datenbanken. Tietel (1995, 13) bezeichnet die Forschungen an der KI als die Wissenschaften, „die wesentlich zur Konzipierung, Herstellung und Programmierung von Computern, aber auch zu schwärmerischen Phantasien und anthropomorphen Vorstellungen über den Computer beigetragen haben“. Wenn also Computer oder Roboter Aufgaben bewältigen, die vom Menschen Intelligenz verlangen würden, wird dies Künstliche Intelligenz genannt (Irrgang 2005, 119). Eine solche Einstellung bestimmt heute den Begriff von menschlicher Intelligenz als bloße ´Eigenschaft formaler Manipulationen von Symbolen´ (Irrgang 2005, 203), statt sie als Eingebundenheit menschlicher Handlungen in die menschliche Lebenswelt zu sehen. Schon heute greifen Künstliche und menschliche Intelligenz ineinander. Im westlichen Verständnis bedeuten Denken oder Intelligenz hauptsächlich die´rationale Manipulation von mentalen Symbolen. Gleichgültig, ob die zugrunde liegende Struktur elektronisch oder physiologisch ist´. (Irrgang 2005, 130) Irrgang nennt dies auch humanen Chauvinismus und ein anthropozentrisches Vorurteil.

[…]

Die Frage nach Bewusstsein in der KI hält Irrgang für irrelevant: Wir wissen noch nicht einmal, was Bewusstsein beim Menschen ist. So wird der Versuch, in Form von Cyborgs, virtuell oder in Robotern Künstlich Intelligenz herzustellen, nie menschliche Intelligenz zum Ergebnis haben, sondern höchstens eine andere Form, – aber ein Modell bleibt ein Modell und wird durch keinen Mutationssprung zum Original.”[5]

Die Entwicklung der KI als Disziplin erstreckt sich über Teilgebiete der Informatik, der Kognitionswissenschaften und der Philosophie des Geistes, aber auch in die Betätigungsfelder von Ingenieuren. Oft umfassen weitere Wissenschafts- und Technikgebiete die Entwicklung von KI als „transdisziplinäre und technologische Wissensform“[6]

KI ist ein Sammelbegriff für die kognitive Leistungsfähigkeit eines Menschen und eine Disziplin, die Computer und Denken in einem symbolbasierten und konnektiven Verfahren umfasst. Die Technologie interpretiert eine Menge an Daten und erkennt Muster in der Masse der Daten.

KI beschreibt ein intelligentes Computersystem, welches sich aus mehreren Teilkomponenten zusammensetzt und lernfähig ist als eine Meta-Struktur für die Informationssphäre des Internet, Netzwerke und Objekte in einer komplexen Welt, in der die Bedeutungen sich dynamisch mit dem ständigen Perspektivwechsel ändern.

KI ist hier also ein neues, abstraktes, Meta-Computersystem, das Informationen intelligent (in einer axiomatischen Logik) kombiniert und so neues Wissen bzw. ebenso abstrakten Output generieren kann und Informationen aus Teilsystemen hinsichtlich eines übergeordneten Zieles neu verarbeiten und kombinieren kann.

Die Daten sind spezifische Trainingsdaten, die der KI bereitgestellt werden, wobei die KI diese als totale Masse übernimmt, um dann generelle Aussagen über diese zu treffen. KI beschreibt in diesem Sinne nicht die Gesamtheit der Intelligenz eines Menschen (als totale Masse), sondern ist eine Disziplin, die erforscht wird und deren Grenzen des Begriffs sich während dieses Prozesses verschieben. Die Perspektive, aus der KI betrachtet wird, ist ebenso entscheidend.

„Technologists tend to think about their creations in terms of code and efficiency, whereas artists excel at helping us see the humanity in the machine, pinpointing moments of beauty, ugliness and truth in the way we live. We need artists to help save us from the ‚fitter, happier, more productive‘ world that Silicon Valley is creating, a world that doesn‘t seem to be making us all as happy as it promised. The Rhizome experiment is just the start of getting technologists to think more deliberately about the world they are making the rest of us live in.“[8]

 

[1] http://strategicstudyindia.blogspot.com/2019/04/artificial-intelligence-is-future-of.html

[2]  http://www.bonner-kunstverein.de/exhibition/the-policemans-beard-is-half-constructed-kunst-im-zeitalter-kuenstlicher-intelligenz/

[3] http://www.contrib.andrew.cmu.edu/~enkala/ai.html

[4] https://www.cs.toronto.edu/~hinton/absps/NatureDeepReview.pdf

[5] Unger, Manja: Anthropomorphismus und Technikgestaltung.Über menschenähnliche Oberflächenin der EntwicklungKünstlicher Intelligenz. 2008 http://www.designethik.de/files/Anthropomorphismus%20und%20Technikgestaltung.pdf

[6] Zimmerli, Walther C., Wolf, Stefan. Künstliche Intelligenz: philosophische Probleme. Stuttgart 1994

[8] rhizome.hfbk.net versucht das Experiment, die Besonderheiten einer Kunsthochschule mit den Möglichkeiten des Internet zu verbinden, das Analoge ins Digitale zu übersetzen. Es will die aktuelle künstlerische Produktion der Hochschule sowie die Diskurse, die hier geführt werden, ins Internet überführen und an die dort geführten Debatten anknüpfen. https://rhizome.hfbk.net/p/247516

Ein Beitrag von:
Carina Lüschen

Zu Carina Lüschen:

Carina Lüschen kommt aus der Musikwirtschaft bzw. Untergrund-Kultur und der akademischen Lehre. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf internationaler Kulturentwicklung im Bereich Bildende Kunst und Musik. Die unterschiedlichen internationalen Interpretationen von spezifischen Musikstilen wachsen so zu einer globalen Pop- und Mainstream-Kultur, was dieses Phänomen für die Forschung interessant macht, wenn es zum Beispiel um Auswirkungen von Internet-Phänomenen und Gruppenbildung geht. Sie schreibt momentan ihre Dissertation über gesellschaftliche Auswirkungen von künstlicher Intelligenz und neuen Technologien aus der Perspektive der Kunstwissenschaft. Carina Lue ist in der öffentlichen Lehre tätig und arbeitet in der freien Musikwirtschaft. Hier setzt sie virtuelle internationale Club-Konzepte auf lokaler Ebene als Veranstaltungen um und verbindet experimentell Clubkultur mit bildender Kunst. Das Club-Projekt „Chains Club“ hatte ein Jahr lang einen festen Standort auf der Reeperbahn in Hamburg. Aufgrund der aktuellen politischen Situation ist nun ein virtuelles Theater-Projekt in Planung.