ArtPilot

14. Januar 2022 | Interview

Der Art Pilot im Einsatz im Kunstverein Hannover (Herbstausstellung 2021) | © China Hopson

Ein Projekt von Jan Neukirchen (Künstler und Informatiker), Christian Lohre (Künstler), Aaron Israel (Künstler und Informatiker) und Kristina Sinn (Kunstvermittlerin Kunstverein Hannover)

Das kritisch-reflektierende Projekt „ArtPilot“ von Jan Neukirchen, Christian Lohre, Aaron Israel und Kristina Sinn lotet die Nutzungsmöglichkeiten aktueller Technik in einer ironischen Hinführung zur Kunst aus und spielt mit der Definitionshoheit von Kunstkritiker*innen und Kunstvermittler*innen. In dem Projekt übernehmen Roboterfahrzeuge die Kommentierung von Kunstwerken in einer Ausstellung. Die intelligenten Gefährte untersuchen die Räume, sind aber weder dem kuratorischen Konzept, noch dem Vermittlungskonzept untergeordnet, sondern fungieren als Kontrapunkt für die Besucher*innen – mal als bewusster Störfaktor und mal als Bereicherung. Das Anliegen des Projektes stützt sich auf die Grundidee Maschinen zu entwickeln, die neben Kunstkritiker*innen und Vermittler*innen in Diskussionen über das Ausgestellte einsteigen, die ergänzen und keineswegs mit ihnen in Konkurrenz treten. Vielmehr sollen Möglichkeit und Potenzial unverständlicher und scheinbar sinnloser Kommentare untersucht werden, die die Rezipient*innen zu einer dezidierten Auseinandersetzung mit der Kunst und dem Diskurs anregen.

 

Das Projekt wurde im Rahmen von LINK-Masters mit einem Planning Grant ausgestattet. Im Interview gibt das Team Einblicke in die Zusammenarbeit und das Projekt.

Was war die Motivation hinter eurem Projekt?

Mit dem Projekt „ArtPilot” wollten wir aus den klassischen Formaten des Ausstellungsbetriebs ausbrechen und eine Verbindung zu den angrenzenden Bereichen der Kunstvermittlung und angewandten Forschung schaffen. Inhaltlich haben wir uns anfangs vor allem für die sinnlich-ästhetische Wirkung eines sich autonom bewegenden Objekts im Ausstellungsraum und die Wirkung der Fremdsteuerung auf die Rezipient*innen konzentriert. Essenziell wichtig war auch das Interesse an den kreativen/schöpferischen Möglichkeiten der aktuellen Generationen von textgenerierenden Transformer-Netzwerken. Die Kernmotivation stützte sich auf das Vorhaben klassische Führungs- und Vermittlungssituationen durch interventionistische Ereignisse anzureichern, welches sich nicht durch eine brechende Gegenläufigkeit auszeichnen, sondern den Hoheitsgehalt der institutionellen Sprache untersucht und qua KI hier die bekannten Informationen über die Kunstwerke/Künstler*innen ergänzt, teilweise auslässt, fragmentarisch neu zusammenstellt und interpretiert. Somit werden andersartige Kontextualisierungenebenen gespannt, auf die sich die Rezipient*innen einlassen können.

Wie habt ihr als Team zusammengefunden?

Der Art Pilot im Einsatz im Kunstverein Hannover (Herbstausstellung 2021) | © China Hopson

Die ersten Schritte haben wir in wöchentlichen Video-Calls gemacht. Diesen Jour fixe haben wir auch beibehalten. Relativ schnell sind immer mehr Online-Tools zur Kollaboration hinzugekommen. Durch den Fokus auf die Realisierung schlossen sich dann intensivere Arbeitsphasen im Atelier und später im Kunstverein Hannover an.

Was war besonders wichtig für die Umsetzung eures Projekts?

Nahaufnahme Art Pilot | © China Hopson

Für uns war das prozesshafte Arbeiten am und mit dem Objekt besonders wichtig. So konnten wir früh erste sinnliche Eindrücke sammeln, darauf reagieren und ein Gefühl für die Wirkung des „Fahrwerks“ entwickeln. Auch die Phase, in der wir uns jetzt befinden – die Durchführung der „Rides“ im Kunstverein – ist ausgesprochen wichtig, weil wir jetzt sehen, wie die Rezipient*innen auf das „Fahrwerk“ reagieren und die Inszenierung entwickeln können.

Was waren Herausforderungen?

Das begrenzte Budget, das wir überwiegend für das Material zur Herstellung des Prototyps ausgegeben haben, hat uns gezwungen, einige Kompromisse bei der Auswahl der Sensoren zu machen. Der Zeitplan und die Ziele, die wir uns gesteckt haben, waren ausgesprochen ambitioniert, und unsere Infrastruktur war für die Umsetzung suboptimal.

Hat sich im Prozess eure Perspektive auf das Projekt verändert?

Der Art Pilot im Einsatz im Kunstverein Hannover (Herbstausstellung 2021) | © China Hopson

Wir waren beeindruckt von den Fähigkeiten der neusten Generation von Transformer-Netzwerken zur Texterzeugung, die während der Projektlaufzeit verfügbar geworden ist. Durch die Arbeit am und mit dem Prototyp sind uns neue Ideen für zukünftige Einsatzszenarien gekommen. Natürlich hat sich unsere Vorstellung davon, wie das „Fahrwerk“ in Zukunft aussehen und agieren kann, weiter konkretisiert. Auch die ersten Erfahrungen aus den Rides haben uns bestärk, das Projekt weiterzuverfolgen, und uns Hinweise gegeben, in welche Richtung sich die Intervention weiterentwickeln sollte. 

Kontakt
Kristina Sinn, Gruppe Stumpf, Aaron Israel
Team Art Pilot

Team Art Pilot

Team Art Pilot | © China Hopson

Gruppe Stumpf
Artists

Christian Lohre (https://christianlohre.blogspot.com) und Jan Neukirchen (www.janneukirchen.net) sind Gruppe Stumpf. Seit 2014 entwickeln sie gemeinsam Werke, die zwischen Technologie, Klangkunst und Skulptur changieren.

Ihre Arbeiten waren unter anderem in Gruppenausstellungen in der Villa Arson (Nizza) (https://www.gruppestumpf.org/#portfolioModal-1), dem GENERATE! Festival für elektronische Künste (Tübingen), dem Kunstverein Hannover (https://vimeo.com/260835357), der Kunsthalle Wilhelmshaven und Einzelausstellungen im Zwischenstand e. V. (Paderborn), dem Junge Kunst e. V. (Wolfsburg) (https://www.gruppestumpf.org/#portfolioModal-3) und dem Feinkunst e. V. (Hannover) zu genießen. 

Kristina Sinn
Kunstvermittlerin

Kristina Sinn leitet die Kunstvermittlung im Kunstverein Hannover. Zuvor war sie Kunstvermittlerin am ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und beteiligt an der inhaltlichen Entwicklung und Durchführung des Vermittlungsprogramms. Sie studierte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle und an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und beschäftigt sich mit Modellen der Kunstvermittlung, die sich aus der aktiven Teilhabe an der künstlerischen Handlung generieren. Ihr Schwerpunkt liegt in der Konzeption und Umsetzung von Workshops, Projekten und Bildungsprogrammen im Bereich der zeitgenössischen Kunst.

Aaron Israel
Artist and Software Engineer

Aaron Israel arbeitet als freischaffender Künstler und Software Entwickler.
Er studierte an der Hochschule für bildendende Künste in Braunschweig bei Thomas Rentmeister (https://www.thomasrentmeister.de) und Björn Dahlem (https://www.guidowbaudach.com/en/artists/bjorn-dahlem).

In seinem Werk beschäftigt er sich mit kinetischen Objekten aus Hard und Software. Momentan arbeitet er an einer interaktiven Tanz-Performance bei der Biosignale von neuronalen Netzen analysiert werden und per Live-Coding (https://www.youtube.com/watch?v=FLBssXDT5K0) in Musik und Bewegung transformiert werden.