Gott oder Gliedermann? Ein Marionetten-Roboter für Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“

29. November 2019 | Christian Fuchs

Marionetten-Roboter | © Christian Fuchs

Kehrt mit der menschen-frei bewegten Puppe die Schönheit wieder?

Diese Frage beschäftigte Heinrich von Kleist in seinem Essay „Über das Marionettentheater“, in dem er am Schluss zusammenfasst:

So findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am Reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, das heißt in dem Gliedermann, oder in dem Gott.“

Oskar Schlemmer, für den Kleists Aufsatz ein zentraler Text war, bezog sich direkt auf ihn, als er 1926 nach vielen Erfahrungen mit den Bewegungsmöglichkeiten der Kostümfiguren seines „Triadischen Ballett“ schrieb „Sollen nun die Tänzer nicht vollends Marionetten sein, an Drähten gezogen oder besser, von einem vollendeten mechanischen Präzisionswerk aus selbsttätig bewegt werden, fast ohne menschliches Dazutun, es sei denn am unsichtbaren Schaltbrett? Ja! – es ist nur eine Frage von Zeit und Geld, das Experiment in dieser Weise zu vervollständigen. Der Effekt, den es machen wird, steht bei Heinrich v. Kleist in ›Über das Marionettentheater‹ geschrieben!“

100 Jahre später

Auf diesen Ausspruch Oskar Schlemmers bezog ich mich, als ich anlässlich des Jubiläumsjahres zur 100-jährigen Gründung des Bauhauses das Projekt ins Leben rief, eine Figur aus dem „Triadischen Ballett“ tatsächlich digital tanzen zu lassen. Zielpunkt war es, im Duett einer digitalen und einer per Hand geführten Marionette, das Publikum zum Forscher werden zu lassen, um über die Frage zu entscheiden: Wo findet sich die Grazie?

Ein überraschender Fund

Dazu glückte mir Dezember 2018 ein überraschender Fund: die Sammlerin Leonore Prilipp bot aus ihrem Bestand 18 Marionetten, Nachbauten des „Triadischen Balletts” an. Sie waren in den 90er Jahren von zwei Amateur-Puppenspielern und -bauern, Kurt und Marianne Erbe, realisiert worden. Es gelang mir die handwerklich hochwertigen Theaterpuppen zu erwerben.

Die Mühen der robotischen Ebene

Marionetten-Roboter | © Christian Fuchs

Als Theater-Regisseur und Puppenspieler bisher unbeschlagen in Sachen Robotik machte ich mich nach der erfreulichen Zusage der Förderung durch die Staatskanzlei Thüringen auf, Roboter und Steuerung für die Marionette zu entwickeln. Das Vorhaben wurde getragen vom stellwerk weimar e.V., einem Kinder- und Jugendtheater, das mit diesem Projekt die digitale Zukunft erforschte.
 

Für die Steuerung stellten sich bald das Interface „Pro I/O“ und das Programm „ConductorPro“, beides von der Firma Weigl aus Österreich als geeignet heraus. Für die Servo-Einheit, also die mechanisch-elektronische Umsetzung der Steuersignale, konnte ich mit Ben Schäfer und seiner Firma „HS Robots“ einen Partner im thüringischen Ilmenau finden, der meine Ideen in eine komplexe Einheit aus Winden-Servos und Aluminium-Gestänge umsetzte.
Für mich blieb die Aufgabe, die Bewegungen der Marionette in kleinsten robotischen Schritten zu programmieren und auf Musik abzustimmen, eine mühevolle Arbeit, die in einem dreiminütigen Tanz zu einer Klaviersonate Galuppis – ein Favorit Oskar Schlemmers – mündete.

Der Auftritt

Triadisches Ballett mit Marionetten-Roboter | © Jana Groß

Zum Abschluss fand das Projekt in einer Vorstellung am 26. September 2019 im neueröffneten Bauhaus-Museum Weimar, zum Bauhausfest des Vereins „Bauhaus.Weimar.Moderne Die Kunstfreunde“. Nachdem der Roboter allein getanzt hatte, gesellte sich ihm eine weiter Marionette hinzu, die von mir geführt wurde, und tanzte gemeinsam mit dem digitalen Gegenüber. Auch wenn dieser Auftritt sowohl Roboter- wie Handwerks-Fans fand, die jeweils eine der Marionetten überzeugender fanden, bleibt für mich das Resümee, das es noch ein weiter Weg ist, bis eine Un-Unterscheidbarkeit von händisch und digital geführter Theaterfigur hergestellt ist. Auch um auf diesem Weg weiterzukommen, freue ich mich, für die KI-Schule der Stiftung Niedersachsen ausgewählt worden zu sein. Ich bin mir sicher, hier noch wesentliche Wegweiser auf der Reise zum „gottgleichen Gliedermann“ zu finden.

Autor des Beitrags
Christian Fuchs