Interview mit der Generalsekretärin Lavinia Francke

18. März 2019

Warum beschäftigt sich die Stiftung Niedersachsen mit Künstlicher Intelligenz?

Porträt Lavinia Francke, Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen | © Stiftung Niedersachsen | Foto: Katrin Ribbe

Lavinia Francke (LF): Als Landeskulturstiftung haben wir einen vielfältigen Auftrag. Für die kleinen und großen Kultureinrichtungen und die vielen freischaffenden Künstler in Niedersachsen sind wir neben der Pflege des Bewährten vor allem daran interessiert, neue Impulse zu geben.  Hier sehen wir unsere Aufgabe durchaus darin, provokante Fragen zu stellen. Als wir mit dem Förderprogramm LINK und dem ersten Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz begonnen haben, lag für uns die möglicherweise große Bedeutung für die Kultur auch noch nicht auf der Hand. Je länger wir uns mit dem Thema beschäftigen, umso deutlicher wird sein erstaunliches Potenzial. Unser Ziel ist nicht, Kunst und Kultur durch oder mit KI als die nächste Stufe der Kulturentwicklung festzulegen, sondern eine aktive Auseinandersetzung mit den Chancen und Gefahren dieser Technik anzuregen. Erst dann sind wir in der Lage zu entscheiden, ob dies für den einen oder anderen Künstler eine lohnenswerte Möglichkeit ist oder nicht.

Ist die Kultur nicht eines der letzten analogen Bollwerke gegenüber einer zunehmenden Digitalisierung unseres Alltags?

LF: Wenn man von Bollwerk spricht, bekommen KI und Digitalisierung natürlich unweigerlich einen bedrohlichen Charakter. Ich glaube, wir brauchen uns als denkende, handelnde und künstlerisch aktive Menschen nicht von Maschinen oder Algorithmen bedroht zu fühlen. Manche Aufgaben können Computer besser und schneller bewältigen als Menschen. Andere Aktivitäten werden immer dem Menschen vorbehalten sein und lassen sich nur unzulänglich von einer Maschine imitieren. Wir werden in den nächsten drei Jahren vermehrt darüber diskutieren, ob einem Algorithmus ebenfalls ein spontaner kreativer Schaffensprozess gelingt. Uns ist es im Zusammenhang mit LINK wichtig, sich aktiv mit diesen Fragen auseinanderzusetzen und keine falsche Scheu vor der Technik zu haben. Als Google Arts & Culture begonnen hat, Kunstwerke digital zu präsentieren, waren viele Kunsthistoriker und Museumsfachleute erschrocken und befürchteten, ihnen würden die Besucher fernbleiben und sich lieber die Kunst „ersurfen“. Ein original van Gogh bleibt aber ein original van Gogh und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Ich ermutige dazu, sich diesen Fragen nicht zu verschließen, sondern lieber eigene Antworten darauf zu finden.

Welches Ziel hat die Tagung im Mai?

LF: Die Tagung bietet einen inhaltlichen Einstieg in das Thema Künstliche Intelligenz und ihre Anwendungsmöglichkeiten in der Kultur. Der erste Tag legt durch sieben einführende Vorträge eine Grundlage. Wir beschäftigen uns mit Fragen wie „Können Computer überhaupt kreativ sein?“, „Wie funktioniert KI eigentlich?“ oder „Gibt es moralische Maschinen?“. In den Workshops am zweiten Tag lernen wir Anwendungsbeispiele aus den Bereichen Theater, Kunst, Musik, Literatur, Soziokultur und Museen kennen und können mit Experten eigene Ideen entwickeln und diskutieren.

An wen richtet sich die Tagung genau und wer sollte teilnehmen?

LF: Wir laden vornehmlich Menschen ein, die in der Kultur arbeiten – künstlerisch oder organisatorisch. Die Anwendungsmöglichkeiten von KI sind sehr vielfältig und dies zeigt sich auch in der Zielgruppe der Tagung. Das kann die Öffentlichkeitsarbeit ebenso wie die Objektdatenbank, der künstlerische Schaffensprozess ebenso wie die Analyse von Handschriften im Archiv, die Lichttechnik wie den Filmschnitt meinen.

Was kann ich tun, wenn ich leider nicht teilnehmen kann, mich aber das Thema interessiert?

LF: Voraussichtlich werden wir die Tagungspublikation mit den Vorträgen und Workshop-Berichten im September vorstellen. Im LINK-Blog wird in den nächsten drei Jahren jede Woche ein neuer Beitrag erscheinen, um das Thema aus kultureller, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektive zu beleuchten.