Die Kunstszene als Kollaboration von Künstlern und KIs

5. April 2019

Die Kunst scheint trotz vieler technischer Hilfsmittel vor allem eine Kunst des Menschen zu sein. Gewöhnlich denken wir bei Kunstwerken der Musik, der Literatur oder der bildenden Kunst an das menschliche Genie, das in einem kreativen schöpferischen Akt das Kunstwerk hervorbringt. Im Regelfall würden wir Maschinen, Programmen oder Robotern eine solche Fähigkeit absprechen.

Ist diese klassische Sichtweise heute noch zeitgemäß?

Mittlerweile gibt es KI-Programme, die zum Beispiel Musik komponieren können: Copes „Emily Howell“, Hadjeres & Pachets „DeepBach“ oder auch die Computer Cluster „Iamus“ und „Melomics109“, die teilweise ein breites Kompositionsspektrum von klassischer bis zu zeitgenössischer Musik abdecken, erzeugen Musikstücke, die charakteristisch für ein bestimmtes Genre, eine bestimmte Epoche oder einen bestimmten Komponisten sind. Eine ähnliche Entwicklung findet sich in der Bildenden Kunst: hier sind es Systeme wie Coltons „Painting Fool“ oder das Tübinger „DeepArt“ System, die aus einem gegebenen Input, z. B. einem Foto einer Landschaftsszene, ein Gemälde in einem bestimmten Stil erzeugen können, z. B. die eingegebene Landschaftsszene als impressionistisches Kunstwerk.

Die erzeugten Artefakte sind teilweise durchaus ansprechend: bestimmte Kompositionen von Copes „Emily Howell“ sind für den Laien kaum von menschlichen Originalkompositionen zu unterscheiden. Das gleiche gilt auch für zeitgenössische Kompositionen von „Iamus“ oder für Gemälde, die von „DeepArt“ erzeugt wurden. Falls diese KI-Programme also künstlerische Artefakte erzeugen können, müssen wir dann nicht konsequenterweise auch sagen, dass die durch Programme erzeugten Werke tatsächlich Kunstwerke sind? Müssen wir nicht zugestehen, dass Programme mittlerweile echte Kulturgüter erschaffen?

Ein modifizierter Turing-Test für Kunstwerke

Dies bringt uns zu einem meiner Meinung nach sehr schwierigen Problem im Bereich der Kunstproduktion, nämlich der Frage, wie ein Kunstwerk überhaupt evaluiert und hinsichtlich seiner Güte bewertet werden kann.  Zwar verwenden wir in einem intuitiven Sinne beständig qualifizierende Attribute für Kunstwerke („das Musikstück ist schön / gut / kreativ / progressiv / innovativ etc.“), aber: haben wir tatsächlich gute Argumente dies auch objektivierbar und konkret zu machen? Möglicherweise mag der Kunstexperte, der Kunsthistoriker, der Musiktheoretiker oder der Literaturwissenschaftler solche objektiven und konkreten Eigenschaften identifizieren können, der Laie kann dies oftmals nicht.

Vielleicht könnte man es aber auch einfach einer Art modifiziertem Turing-Test für Kunstwerke überlassen, zu entscheiden, ob etwas Kunst ist oder nicht, sozusagen nach dem Motto: Der Markt irrt sich nicht. Falls es ein hinreichend großes Publikum gibt, das die Musik, die Bilder, den Plot einer Erzählung und Ähnliches goutiert, dann müsste man in diesem naiven Sinne von Kunstwerken reden, egal ob ein Mensch oder ein Programm diese Artefakte erzeugt hat. Noch sind wir sicher nicht an diesem Punkt. Bisher füllen nämlich computererzeugte Musikstücke noch keine großen Konzertsäle oder gewinnen einem Oscar, bisher werden computererzeugte Bilder noch nicht in großen Museen als Hauptattraktion gezeigt und bisher basieren Filme, Romane oder Theaterstücke, die auf großen Bühnen aufgeführt werden, noch nicht auf Plots, die ein Programm erzeugt hat. Es gibt aber Anfänge hierfür, beispielsweise Ausstellungen von computererzeugten Bildern in Galerien oder der Verkauf von CDs mit computergenerierter Musik. Und ich vermute, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren beschleunigen wird. 

 

Der Grund für diesen Optimismus basiert auf drei Hypothesen:

(a) auf der Verfügbarkeit immer größerer Datenmengen, beispielsweise historischer Musik oder Plots von Spielfilmen in algorithmisch verarbeitbarer Repräsentation,

(b) auf der Möglichkeit algorithmisch aus bekannten Mustern und Materialien kreativ neue Muster und Materialien zu erzeugen und

(c) auf der Tatsache, dass es genügend Geld im Markt gibt (insbesondere von großen High-Tech Unternehmen), die KI-Forschung auf diesem Gebiet weiter zu befördern.

Will man in Analogien sprechen, so entspricht (a) der Erfahrung eines KI-Systems, (b) der künstlichen Kreativität desselben und (c) der Bereitstellung hinreichender Ressourcen für die Kunstproduktion. Alle diese Punkte treffen in einem bestimmten Sinne auch auf menschliche Kunstschaffende zu. Der Künstler braucht Erfahrung, er muss kreativ sein und er muss auf externe Ressourcen zurückgreifen können, sei es in Form einer exzellenten Ausbildung, in Form einer finanziellen Unabhängigkeit oder in Form von Werkzeugen, die er benötigt.

Insofern wird es zukünftig ein Nebeneinanderher menschlicher Produzenten und artifizieller Produzenten von Kunst und Kulturgütern geben. Zunächst werden Mensch und Maschine wohl eher kollaborativ zusammenarbeiten und KI-Systeme werden tendenziell eher semi-automatisch als völlig autonom funktionieren. Das Resultat wäre dann eine Kunstszene von Künstlern und KIs, die zusammen Kulturgüter schaffen. Eine, wie ich finde, faszinierende Vorstellung.

Autor des Beitrags
Prof. Dr. Kai-Uwe Kühnberger
Universität Osnabrück
Direktor des interdisziplinären Instituts für Kognitionswissenschaft