Ein kurzer Bericht zur LINK-Tagung am 15. und 16. Mai 2019 – Teil 2

24. Mai 2019

In sechs Workshops wurden am zweiten Tagungstag exemplarische Projekte aus Kunst und Kultur als Impulsgeber zur gemeinsamen Entwicklung realer Anwendung vorgestellt. Sechs kurze Zusammenfassungen geben einen ersten Einblick. Die Tagungspublikation, die wir im Herbst herausbringen werden, stellt alle Impulse, Diskussionen und Ideen nochmals ausführlicher vor.

Workshop Kunst

Im Zusammenspiel von Kunst und Technik gibt es von jeher Diskussionen über den Einfluss der Technik auf das entstehende Werk. Sind Algorithmen ein künstlerisches Mittel? Der Künstler und Kurator Mattis Kuhn vermittelte in seinem Beitrag einen Überblick aktueller Möglichkeiten, KI in den künstlerischen Prozess einzubeziehen oder gar selbstständig arbeiten zu lassen. Egor Kraft berichtete von seiner eigenen Arbeit mit KI in den „Content Aware Studies“, in denen ein Algorithmus beschädigte antike Skulpturen oder Friese ergänzt. Die abschließende Diskussion konzentrierte sich auf die Frage der Kreativität im Sinne von menschlichen Künstlern und der gleichberechtigten Zusammenarbeit von Künstler und Programmierer. Letzterer ist für den Erarbeitungsprozess und somit auch für das finale Werk ebenso wichtig wie der Künstler selbst und vollbringt in seiner Programmierung ebenfalls kreative Leistungen.  

Workshop Musik

In der Musik hat es schon seit Jahrhunderten Spielereien mit automatisierten Kompositionen gegeben. In dem regelbasierten Feld lassen sich gleichförmige und periodisch ablaufende Musikstücke mit schematischem Aufbau durch Algorithmen komponieren. Wirklich Neues entsteht dabei nicht. Längst aber gibt es Hilfsmittel zum Komponieren aus der digitalen Welt, die Akkordreihen fortschreiben oder die Regeln der Harmonielehre überprüfen können. Einen Einbruch in den menschlichen Schöpfungsprozess sehen Christian Grüny und Joachim Heintz durch KI (noch) nicht. Sie beschäftigen sich mit der Frage, ob künstlerische Gestaltung als reine Form und ohne ihren Kontext überhaupt gedacht werden kann. Im Mittelpunkt des Workshops stand die responsive Maschine „Alma”, die mit vier programmierten Modi mit Hilfe des Spielers eigene Improvisationen schaffen kann. Es bleibt aber die Frage, wann eine intermediale Kommunikation mit neuronalen Netzwerken stattfinden kann und wie sie aussehen wird.

Workshop Theater

Die digitale Transformation im Theater findet in Ansätzen bereits statt. Anhand von ersten digitalen Projekten konnte der Anwendung komplexer Technologien nachgespürt und die Dimension für das Theater reflektiert werden. Die neuen Formate benötigen andere Rahmenbedingungen und stellen die Theaterschaffenden vor neue Herausforderungen: von der Zusammenarbeit mit Programmierern und Mechatronikern „auf Augenhöhe“ über die konzeptionelle Arbeit der Regie bis hin zu der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine. Es erfordert neue Fertigkeiten, offenere Strukturen und vor allem viel Mut, Neues zu wagen.

Workshop Literatur

Automatisierung. Zwischentöne, Stilmittel und das berühmte „zwischen den Zeilen” lassen sich nicht regelkonform erfassen. Dennoch zeigt sich im Feld der Übersetzungen eine starke Entwicklung, die Maschinen so gut werden lässt, dass der Mensch nur noch nachjustiert. Der Workshop beschäftigte sich mit den Möglichkeiten und Grenzen maschineller Literatur. Bei der Präsentation von „Eloquentron 3000” wurde schnell deutlich, dass wir dabei noch am Anfang stehen. Zwar kann diese Maschine dichten, aber nur in dem Rahmen, den der Programmierer erschaffen hat. Es existieren schlicht zu wenig brauchbare Korpora, um literarische Eigenschaften zu trainieren oder zu clustern. Vor allem aber sind viele der formalen wie inhaltlichen Eigenschaften von Literatur unzureichend literaturwissenschaftlich beschrieben, um maschinell formalisiert werden zu können. Dagegen spielt KI längst eine Rolle im Literaturbetrieb und bringt Literatur und Leser zusammen. Systeme lernen von den Lesern, welches Buch wie gelesen wird und bereiten schon die nächste Empfehlung vor. Manuskripte werden nach vielversprechenden Mustern durchsucht, um Bestseller zu identifizieren. Maschinen schreiben vielleicht noch keine Romane, aber sie lenken den Literaturbetrieb mehr als uns das bewusst ist.

Workshop Museum

Museen als Orte der Sammlung, Bewahrung, Erforschung und Vermittlung von Kulturerbe sind für viele Menschen per se analog. Die Auseinandersetzung mit dem originalen Objekt wird seit den 1980er Jahren jedoch durch technische Hilfsmittel wie Audio-Guides oder Multimedia-Stationen ergänzt. Aus der Arbeitswelt der Museumsmacher sind Datenbanken nicht mehr wegzudenken. Aber wie können Algorithmen hier die Arbeit erleichtern und trotzdem die Stärken von Museen nicht mindern? Armin Berger von der Firma 3pc GmbH Neue Kommunikation aus Berlin stellte das Projekt QURATOR vor, das durch vielfache Verknüpfungen von Schriftstücken, Möbeln, Bildern und anderen Objektgruppen die Arbeit von Kuratoren unterstützt und die Recherche in Datenbanken erheblich beschleunigen kann. Dr. Doreen Hartmann vom Heinz Nixdorf MuseumsForum Paderborn berichtete von der intensiven Arbeit mit Robotern als Schnittstelle zum Besucher. Ein wichtiges Fazit der Diskussion war die Möglichkeit von Museen, sich zukünftig in einer digitalen Welt durchaus als analogen dritten Ort definieren und gleichzeitig auf der Macher-Seite Algorithmen nutzen zu können.

Workshop Soziokultur

Der Kern der Soziokultur besteht darin, kulturelle Teilhabe für eine große Bevölkerungsschicht zu ermöglichen, gesellschaftliche Debatten anzustoßen und relevante Phänomene zu reflektieren. Die rasante Entwicklung der Technologien ermöglicht seit kurzem, dass Spiele, Apps und inzwischen auch Bots von Laien hergestellt werden, dass mit den aktuell verfügbaren Angeboten einfach, günstig und niedrigschwellig selbst Kultur geschaffen werden kann und dass besonders für benachteiligte Gruppen Hilfe und kulturelle Teilhabe durch Apps entstehen kann. Im Workshop wurden u.a. eigene Projekte entwickelt, die von einer Service/Bildungs-KI, über eine Veranstaltungsreihe zum Thema bis hin zu einer Rezepte-KI für Produkte von Tafeln reichte.

Dr. Tabea Golgath
Projektleitung LINK