Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

15. Februar 2019

KI im Alltag

Am Anfang stand ein Bedürfnis – das Bedürfnis nach Unterstützung im Alltag: Es wäre doch schön, wenn ich mir Termine nicht mehr aufschreiben müsste und mich jemand an die Dinge erinnerte, die ich erledigen muss. Es wäre auch schön, wenn jemand das Licht einschaltet, wenn ich nach Hause komme, meine Lieblingsmusik abspielt und hinter mir die Tür abschließt. Und wie sieht es mit der Optimierung von Paketlieferungen zu meinen Anwesenheitszeiten zu Hause aus oder mit einer vereinfachten Kommunikation mit Freunden und Bekannten? Warum erhalte ich so viel Werbung, die mich gar nicht interessiert? Warum muss ich bei jedem ersten Arztbesuch neu Formulare ausfüllen und meine Krankheitsgeschichte erläutern? Mein Fernseher oder Computer könnte mir doch einfach sagen, wann es Zeit ist ins Bett zu gehen oder eine Pause von der Arbeit zu machen. Die Polizei ist mein Freund und Helfer – aber wie steht es mit meiner Sicherheit, wenn ich mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt bewege oder einfach nur einen Spaziergang mache? Lässt sich mein Leben nicht effizienter, erholsamer und sicherer organisieren?

Die Antwort: Ein klares „Jein“

JA, natürlich geht das. Alle genannten Bedürfnisse sind technisch problemlos umzusetzen. Und NEIN, in manchen Fällen bremst jedoch Justizia z.B. in Form der DSGVO hier (noch).
Die alles entscheidende Grundfrage ist: Was ist mir wichtiger? Bequemlichkeit, Erleichterung im Alltag und daraus resultierend mehr Zeit für andere/schöne Aktivitäten oder Sicherheit durch Kontrolle? Es ist grundsätzlich (noch) möglich sein Leben analog zu organisieren und trotzdem wenig benachteiligt zu sein: Finanztransfers lassen sich noch mittels Überweisungsträgern anweisen, die Steuererklärung wird in Ausnahmefällen noch auf Papier entgegengenommen, in Städten lassen sich fast alle Gebrauchswaren ohne Internetshops besorgen und den Kontakt zu Freunden und Bekannten kann man auch über ein Festnetztelefon und Briefe pflegen.

Sicherheitsgefühl vs. Überwachungstaat

CCTV | © pixabay.com

Bereits in den 1970er Jahren thematisierte Timm Ulrichs in seinen Arbeiten mehrfach die Überwachung der Gesellschaft im öffentlichen Raum. So ließ er sich 1971 aus Anlass der „Experimenta 4“ von einer Detektei einen Tag lang überwachen und veröffentlichte anschließend die Protokolle mit dem Ergebnis, dass die Zielperson „offensichtlich ziellos umherlief“. 1993 ließ sich der Konzeptkünstler von Kameras im Straßenraum aufnehmen und zeigte die Zusammenschnitte in einer Ausstellung. „Also eine Kamera löst dann die andere ab, sobald man aus dem Blickfeld der einen herauskommt, nimmt einen die andere wieder gefangen. Das war mal ein Versuch zu sehen: Wie weit ist der öffentliche Bereich schon erfasst?,“ so der Künstler im Interview mit Deutschlandfunk Kultur. „Nun heißen diese Kameras ja euphemistisch ‚Verkehrsüberwachungskameras‘. Sie sind aber natürlich auch dafür gedacht, Zusammenrottungen, Volksaufstände, Demonstrationen zu beobachten, und daraus dann für die Polizei Maßnahmen nahezulegen.“ Oder aber dazu zur Sicherheit von Passagieren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Passanten im Straßenraum beizutragen – durch die Dokumentation möglicher Straftaten.

Ein offenes Ende ohne echte Gewinner

Beim Wunsch nach bequemen, technischen Lösungen muss jeder für sich selbst die Frage beantworten: Inwiefern erlaube ich Transparenz und Zugang zu meiner Privatsphäre? Ich möchte unterstellen, dass ein Hackerangriff bei Amazon, Google oder einer Bank die meisten Nutzer empfindlich treffen würde und trotzdem ist es sehr bequem, wenn wir Passwörter auf unseren Endgeräten speichern und damit den Bezahl- oder Anmeldeprozess beschleunigen.  Wenn bei einem Hack finanzielle Absichten zugrundeliegen, werden die einzelnen Nutzer oft nur mit wenigen Cent geschädigt, die Summe dieser vielen Kleinstbeträge lohnt sich jedoch. Für die gehackten Unternehmen ist das verlorene Vertrauen allerdings der wesentlich größere Schaden. Wenn nun ein analoges Leben nicht in Frage kommt, weil unser Alltag zunehmend durch die Nutzung digitaler Helfer dominiert wird – was können wir tun? Die wichtigste Voraussetzung ist sicherlich die Entwicklung eines Bewusstseins in Bezug auf die Vor- und Nachteile und ein aktiver und kompetenter Umgang mit notwendigen Entscheidungen. Der Medienkompetenz-Unterricht in der Schule und eine hohe Transparenz in Unternehmen und Behörden kann hier helfen. Hannes Grassegger drückte es in seinem Buch treffend aus: „Das Kapital bin ich: Meine Daten gehören mir“.

Für die weitere Beschäftigung mit diesem Thema empfehle ich das Buch „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling, welcher in seinem Roman so manchen Aspekt unseres Alltags humorvoll weiterdenkt. Das Junge Schauspiel Hannover zeigt das gleichnamige Theaterstück am 22. Februar 2019 und 16. März 2019 im Ballhof Eins. Ebenfalls erhellend ist der Impulsvortrag „Digitalisierung: German Angst“ von Peter Leppelt, Geschäftsführer der praemandatum GmbH, den er bei RICOH Düsseldorf hielt.

Autorin des Beitrags
Dr. Tabea Golgath
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