Full Grants

Im Rahmen des Programms LINK-Masters fördern die Stiftung Niedersachsen und die VolkswagenStiftung drei Projektteams mit jeweils bis zu 150.000 Euro. Damit können sie ihre Ideen an der Schnittstelle von Kunst und Künstlicher Intelligenz (KI) in den kommenden 18 Monaten umsetzen. Die Jury aus Prof. Dr. Joachim Hertzberg (Universität Osnabrück), Christiane Kühl (Theatermacherin aus Berlin), Prof. Dr. Claudia Müller-Birn (Freie Universität Berlin), Dr. Matthias Röder (Karajan Institut Salzburg), Prof. Dr. Bodo Rosenhahn (Leibniz Universität Hannover) und Gerfried Stocker (Ars Electronica Linz) wählte die drei Projekte aus den zehn im März 2021 vergebenen Planning Grants aus.

Digital Baroque

Digital BAROQUE (ehemals: DANCETRONIC baroque meets robotics) ist ein szenisches Projekt, das sich den Fragestellungen von Digitalisierung und einer zunehmend technisierten Welt unter Rückgriff auf das Theater des Barock stellt. Das barocke Maschinentheater thematisiert die Un-Unterscheidbarkeit von menschlicher und mechanischer Bewegung. Die Problemstellung, die aktuell unter dem Schlagwort Turing-Test bekannt ist, erhält mit dem „schachspielenden Türken“ (mechanical turk) schon 1769 ihre praktische Ausformung. Das Projekt bezieht sich explizit auf diesen berühmten Automaten und möchte die theaterkünstlerische Entdeckerfreude des Barock aufnehmen. So werden die Herausforderungen der Digitalisierung in der Kulturgeschichte verankert und ermöglicht auch einem technikfernen Publikum einen spielerischen Umgang mit Robotik und KI. In der Inszenierung erhalten im Gegenzug barocke Visionen die Gelegenheit zur Realisierung mittels digitaler Technik. Es wird ein Spannungsverhältnis zwischen Körper, Raum und Musik und dem Damals und Heute aufgebaut. Die Zuschauer*innen werden in die faszinierenden Bilderwelten, zwischen beseelten und unbeseelten Akteur*innen hineingezogen. Technik des 21. Jahrhunderts mischt sich mit Kulturgut des 17. Jahrhunderts und robotische Wesen nehmen am barocken Maskenspiel teil. Die Jahrhunderte reichen sich die Hand – im Spiel.

Beteiligte: Andreas Karguth (GentleRobotics), Christian Fuchs (Puppenspieler und Regisseur), Alon Sariel (Musiker und Leiter Concerto Foscari), Marion Rennert (Tanzpädagogin), Patricia Hoffmann (Regisseurin, Autorin und Choreografin) und Dirk Rauscher (Art Direction und Motion Design)

Patterns in between Intelligences

Das Projekt Patterns in between Intelligences ist das Produkt der interdisziplinären Künstlergruppe, bestehend aus den Live-Coder*In Alex McLean und Lizzie Wilson, der E-Textile-Designerin Mika Satomi, den Performer*In Deva Schubert und Juan Felipe Amaya Gonzalez. Das Team konzentriert sich auf eine Reihe von performativen Ritualen und wird unterstützt von der Szenografin Magdalena Emmerig und der Dramaturgin Lotta Beckers. Hierbei wird eine improvisatorische Praxis zwischen Live-Coding-Sounds und Coding durch Tanz entwickelt, vermittelt und durch e-Textil-Kostüme gestaltet. Mit Hilfe von Maschinelle Lernen und e-Textil-Sensoren wird ein menschliches und nicht-menschliches System verteilter Intelligenz etabliert, das auf der rhythmischen Live-Interaktion aller Agenten basiert und in einer ekstatischen Klanglandschaft live erlebbar macht. Dieses Projekt stellt die Ideen der kommerziell ausgerichteten KI in Frage, die zur Schaffung neuer Intelligenzen die Nachahmung menschlicher neuronaler Bahnen anstrebt. Stattdessen blickt das Team auf eine kollektive Sichtweise von Intelligenz. Durch den rituellen Rahmen wird die spirituelle und soziale Dimension der KI beleuchtet und das Maschinelle Lernen mit alten Mustertechniken verbunden. Auf der Suche nach einem neuen künstlichen Geist versucht die abschließende Performance, unser Verständnis von Intelligenz in einem kollektiven kathartischen Rhythmus zu übertreffen, aus dem ein neuer mystischer Code hervorgeht. Kann KI genutzt werden, um über sich selbst hinauszuwachsen?

Beteiligte: Mika Satomi (Künstlerin und Designerin), Alex McLean (Musiker und KI-Forscher), Juan Felipe Amaya Gonzalez (Performancekünstler), Deva Schubert (freie Choreografin), Magdalena Emmerig (Bühnenbild) und Lizzie Wilson (Musikerin und KI-Forscherin)

ANA – eine empathische Theaterinstallation zu gemeinsamer Geschichtsimprovisation

ANA ist ein empathisches, KI-basiertes Interaktionssystem zur Erzeugung von Begegnungserfahrungen durch einen Akt der gemeinsamen, iterativen Improvisation von Geschichten. Das System wird zuerst als für eine Einzelperson betretbare, multimodale Installation in der Art einer Fotobox aufgeführt werden. Der Produktionsfokus liegt allerdings auf der Erstellung eines generalisierbaren Softwaresystems, das in unterschiedlichen Aufführungs- und Installationskontexten präsentiert werden kann. Die Interaktion zwischen einer*m Besucher*in und dem Multimodalen Empathischen Erfahrungsgenerierungssystem (MEES) basiert auf der durchgehenden Erkennung des emotionalen Zustands des Besuchers anhand von verbalen und nonverbalen Hinweisen. Gleichzeitig unterhält das System einen eigenen affektiven Zustand, der basierend auf kognitiven Modellen von menschlichem Affekten modelliert ist. Teil dieses Zustandes ist die Stimmung des Systems, die einerseits auf die erkannten Emotionen des Besuchers reagiert und andererseits beeinflusst, auf welche Weise das MEES die ko-improvisierte Geschichte weiterführt. Dadurch wird der Affekt des Systems auch für den*die Besucher*in erfahrbar, und es entsteht ein emotionaler Feedbackloop. Das Ziel dieser Interaktion ist es eine Begegnung zu ermöglichen, bei der gegenseitige Empathie zwischen Mensch und Maschine durch die gemeinsam improvisierte Narration (einen kollaborativen, bis dato rein zwischenmenschlichen Vorgang) erfahrbar wird. Dies soll auch eine positivere Zukunftsvision von KI abseits von Big-Data vermitteln.

Beteiligte: Christian Ziegler (Regisseur, Medienkünstler und Architekt), Leonid Berov (Universität Osnabrück), Gunter Lösel (Zürcher Hochschule für Künste) und Ilja Mirsky (Institut für theatrale Zukunftsforschung am Zimmertheater Tübingen sowie Universität Tübingen)